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Insel der Schwäne

Das ehemalige Kino Sojus am Helene-Weigel-Platz hat schon lange seine Pforten für Cineasten geschlossen und wird wohl nie wieder Filme zeigen. Das Abgeordnetenbüro Kittler/Schmidt hat sich deshalb überlegt einen – wenn auch räumlich kleineren – Ersatz zu schaffen: Am Dienstag, dem 26. März, wurde das Büro zum ersten Mal zum Kino und zeigte den vielbesprochenen DEFA-Film Insel der Schwäne von Herrmann Zschoche und Ulrich Plenzdorf. Die Vorführung stieß auf großes Interesse – nicht zuletzt, weil der Film in Marzahn spielt und auch dort gedreht wurde. Zu sehen sind die während der Dreharbeiten noch im Bau befindlichen Hochhäuser am Helene-Weigel-Platz, Alt-Marzahn und ein Hochhaus vom Typ WHH GT 18, vielfach in Berlin gebaut, vermutlich am südwestlichen Ende des heutigen Bürgerparks.

Hauptfigur des Films ist der 14-jährige Stefan Kolbe, der gegen seinen Willen vom Land in ein Hochhaus in der noch in Entstehung begriffenen Großsiedlung Marzahn zieht, weil sein Vater als Bauarbeiter dort arbeitet. Das Landleben gefällt Stefan, er liebt die Natur und die Abenteuer, die er dort mit seinem Freund Tasso, u. a. auf einem Floß, erlebt. Im Hochhaus lernt er den schüchternen Jungen Hubert kennen. Beide werden Freunde. Hubert wird im Laufe des Films von Windjacke, einem Jugendlichen mit sadistischen Zügen, erpresst und Stefan hilft ihm sich zu wehren. Stefan kommt auch mit Mädchen in Kontakt - die Mitschülerinnen Rita und Anja verlieben sich beide in ihn. In der Schlussszene rettet Stefan Windjacke nach einem Kampf vor dem Sturz in einen Aufzugsschacht in einem Hochhausrohbau.

Der Film wirft viele Konflikte auf, die nur teilweise zu Ende erzählt werden. So kommt es oft zum Streit zwischen dem Vater und Stefan und dadurch auch zwischen Vater und Mutter. Stefan wünscht sich Grünflächen im noch von Baumaterial, Schlammlöchern und Erdhügeln geprägten Umfeld. Über ein selbstgemaltes Plakat von Stefan entsteht ein Streit mit dem Vater. Das Neubaugebiet erscheint nicht als die paradiesisch propagierte Lösung der Wohnungsfrage in der DDR, sondern als trostlose Tristesse. Der Hauswart in Stefans neuem Zuhause wird als biedere und die Jugendlichen bevormundende Autorität gezeichnet. Während eines Ausflugs mit Anja nach Prenzlauer Berg wird ein verfallener Altbau gezeigt, in dem sie mit ihren Eltern wohnte – ein Hinweis auf die dem Verfall überlassenen Altbauten in vielen Städten der DDR. Auch die Wahlen zur FDJ-Leitung mit ihren unzähligen Funktionsträgern (Ein Schüler sagt dazu in dieser Szene: „Ihr teilt euch das und ich bin die Gruppe“) wird als unvermeidliches Übel dargestellt, dem auch die anwesende Lehrerin indifferent begegnet.

Die formulierte Kritik am realexistierenden Sozialismus der DDR führte letztlich auch zu Zensurmaßnahmen. So mussten Szenen nachgedreht werden, in denen Stefans Vater den Komfort der Plattenbauwohnungen lobt und eine Szene, aus der hervorgeht, dass Windjacke bei seinen Großeltern aufwächst, die beide antifaschistische Widerstandskämpfer waren, wurde rausgeschnitten. Der Film wurde vom Kultusministerium der DDR und im Neuen Deutschland (ND) und in der Jungen Welt für die ausschließlich negative Darstellung der „sozialistischen Errungenschaften“ kritisiert. Vom „Kahlschlag gegen die typischen sozialistischen Züge unseres Lebens“ wurde im ND über den Film geschrieben. Trotzdem wurde er nicht verboten, wie es anderen kritischen Filmen erging und wurde auch an Schulen ausgiebig besprochen, wie Regina Kittler nach der Vorführung bestätigen konnte.

Thomas Braune