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40. Rotes Sofa mit Prof. Dr. Rolf Hecker

Karl Marx nicht dem historisierenden Gedenken überlassen! – „Rotes Sofa“ mit Prof. Dr. Rolf Hecker

Mit dem 200. Geburtstag Karl Marx‘ sind die Person und seine Schriften auch Diskussionsgegenstand außerakademischer Diskurse geworden. Viele, auch populär geschriebene, Bücher wurden veröffentlicht, über Marx‘ ökonomische Analysen wird diskutiert und erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik beschäftigt sich eine durch öffentliche Gelder finanzierte Ausstellung im Marx-Haus in Trier vorrangig mit der historischen Einordnung Karl Marx‘.

Und genau an dieser Stelle setzt die Kritik des Gastes des 40. „Roten Sofas“ im Abgeordnetenbüro Kittler/Schmidt an: Prof. Dr. Rolf Hecker (geb. 1953 in Leipzig), selbst Mitglied des wissenschaftlichen Beirats der Ausstellung, freut sich natürlich, dass sich im Zuge der Ausstellung und auch mit der kontrovers begleiteten Aufstellung einer Marx-Skulptur in Trier, eine breite Öffentlichkeit mit Marx beschäftigt. Das Ziel der Ausstellung sei aber Marx im 19. Jahrhundert zu verorten, seine Analyse und Kritik zu historisieren und damit der Kritik „die Spitze zu nehmen.“

Dem 21-köpfigem wissenschaftlichen Beirat gehörten nach Hecker nur etwa fünf Marx-Experten an – Hecker als einziger Ostdeutscher, der auch nur durch den Druck der Rosa-Luxemburg-Stiftung dem Gremium angehören konnte. Insgesamt, so kritisiert Hecker, gab es nur wenige Veranstaltungen, die sich tatsächlich mit Marx‘ Kritik der politischen Ökonomie auseinandersetzten. Eine Ausnahme sei die Veranstaltung der Rosa-Luxemburg-Stiftung gewesen. Auch in der Wirtschaftswissenschaft wolle man aber nicht mehr über Marx diskutieren.

Positiv für das Marx-Jahr hob Hecker hervor, dass Band 5 der ersten Abteilung der Marx-Engels-Gesamtausgabe (die sog. MEGA²) erschien. Darin enthalten sind die Manuskripte zur Deutschen Ideologie, die zu Lebzeiten von Marx und Engels nie veröffentlicht wurden. Hecker war bereits als Mitarbeiter am Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED (1980–89) an der Edition der MEGA²-Bände II/6, II/8 und II/10 beteiligt und 1989/90 kurzzeitig Mitglied der MEGA²-Gesamtredaktion. Die Marx-Engels-Gesamtausgabe wurde in den 1970er Jahren in Berlin und Moskau begonnen. Nach der Wende konnte das MEGA²-Projekt gerettet werden. Mit Unterschriften hatte man sich an den Bundeskanzler und den Bundespräsidenten gewandt. Im Ergebnis formierte sich 1990 die Internationale Marx-Engels-Stiftung, die das Projekt fortführt. An der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften findet seitdem die Endredaktion aller in internationaler Forschungskooperation edierten Bände statt. Hecker war von 1992-1995 dort Mitarbeiter und mit dem MEGA²-Band IV/32 beschäftigt. In Japan bearbeitete er 1994 gemeinsam mit der Sendaier Arbeitsgruppe an der Tohoku-Universität die MEGA²-Bände II/12, II/13 und IV/14.

2015 fand eine neue Evaluierung durch den Wissenschaftsrat statt, wie Hecker berichtete. Demnach soll das Projekt bis 2030 abgeschlossen sein. Von 114 geplanten Bänden werden nur noch 78 erscheinen, 65 sind bereits erschienen. Die Briefe, Notizbücher und Exzerpte sollen nur noch digital ediert werden. Im Auftrag der Rosa-Luxemburg-Stiftung aktualisiert Hecker weiterhin die Bände der MEW (Marx-Engels-Werke), die im Berliner Dietz-Verlag erscheinen (seit 2006).

Im Marx-Jahr veröffentlichte Hecker sein Buch Springpunkte. Beiträge zur Marx-Forschung und »Kapital«-Diskussion. Hecker wünscht sich, dass sich Mitglieder der LINKEN auch wieder intensiver mit Marx‘ Texten beschäftigen und hofft, dass das Marx-Jahr nicht dazu führt, die Beschäftigung mir Marx als erledigt zu erklären.

Thomas Braune